2010–2013: BAWAG CONTEMPORARY

Clegg & Guttmann
Portraits and Other Cognitive Exercises 2001-2012

12.4.2012—10.6.2012
Für ihre Ausstellung Portraits and Other Cognitive Exercises 2001–2012 in den Räumen des BAWAG Contemporary haben Clegg & Guttmann exemplarische Werke ihrer Produktion aus der Perspektive der Gegenwart überdacht. Einer Auswahl des seit dem Jahr 2001 kontinuierlich entwickelten Werkblocks der Cognitive Exercises stellen sie frühe und aktuelle Beispiele ihrer unwiderstehlich attraktiven Porträtfotografie gegenüber. Das Ergebnis ist ein visuelles und inhaltliches Stretching zwischen Kargheit und Opulenz, zwischen Glamour und Diskurs.

Ein heimliches Bezugssystem verbindet die unterschiedlichen Genres. Zu den von Clegg & Guttmann eingesetzten Techniken gehören Fotografie, Skulptur, Installation und Video; ihre künstlerische Methode reicht von klassischer Objektproduktion bis zur Performance; sie interessieren sich für Soziologie und das Alltagsleben ebenso wie für Wissenschaft und Philosophie. Wenn sie innerhalb ihrer Praxis individuelle Kategorien mit so anschaulichen Titeln wie Community Portraits, Social Sculptures oder Spontaneous Operas etablieren, geht es immer darum, das Thema Porträt mit verschiedenen Mitteln zu untersuchen. Clegg & Guttmann entwerfen Modelle für Kommunikation, Kollaborationen und die Beteiligung an politischen und kulturellen Prozessen. Unter ihren Arbeiten sind viele an den Schnittstellen von Funktion und Funktionalisierung angesiedelt, oft herrscht ein strenges Regime intellektueller Begrifflichkeiten. Den erkenntnistheoretischen Konstruktionen stehen Werke zur Seite, die von Stimmungen, Gesten, Mimik und Körperhaltungen getragen sind, Werke, deren erzählerischer Gehalt aus der Zeit zu fallen scheint.

Der konzeptuelle Rahmen der Ausstellung umschließt drei wesentliche Felder ihrer Arbeit: Porträts, Bibliotheken und kognitive Übungen. Clegg & Guttmann ziehen konkrete Präsentationen der letzten Jahre heran, um das eigene Werk unter dem Gesichtspunkt einer Rekontextualisierung zu durchkämmen. Dafür verwenden sie ihre bereits aus dem Frühwerk bekannte Collagestrategie.

Die interessanten Räumlichkeiten des BAWAG Contemporary haben Clegg & Guttmann zu einem Display angeregt, das optische Tatsachen den ästhetischen Begriffen und Theorien gegenüberstellt, die in die Objekte hineingelesen werden können.

Drei vertikal organisierte Bibliotheksskulpturen (Sha’at’nez, 2004; The Moebius Library, 2005; La Libreria Piramidale, 2007) treffen auf die Rauminstallation Falsa Prospettiva, 2001, eine sich in die Tiefe erstreckende Trompe-l’œil-Arbeit aus Bücherschränken. Clegg & Guttmann bezeichnen Falsa Prospettiva als eine „Knowledge Sculpture“, mit der auf den Unterschied zwischen dem Sichtbaren und der dahinterliegenden Realität hingewiesen werden soll. An Sha’at’nez oder die verschobene Bibliothek, einer Collage aus Bücherregalen im Umfeld Sigmund Freuds, interessiert die Künstler der physische Ortswechsel von Büchern ebenso wie Freuds psychoanalytischer Begriff der Verschiebung bzw. Substitution. Die Pyramide wiederum bezieht sich auf das Studiolo, die private Lesestube der Renaissance, und die Möbiusschleife, auf jene aus der Topologie Lacans bekannte zweidimensionale Struktur, für die es eine Unterscheidung zwischen unten und oben bzw. innen und außen nicht gibt. Beide Skulpturen können als Ablagen „benutzt“ werden und funktionieren als Beispiele für Gemeinschaftsporträts und kollektives Gedächtnis.

Im Zentrum der Ausstellung steht der seit den 1980er-Jahren wohl wichtigste Transmitter Clegg & Guttmanns: die Fotografie, das fotografische Porträt. Die Einzelbildnisse, Bilder von Paaren und vielfigurigen Gruppen gehören bis heute zum Aufregendsten, was dieses Genre zu bieten hat. Ihr Bezugsrahmen sind die ästhetischen Konventionen historischer Porträts und Gruppenbilder des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Niederländer von Frans Hals bis Rembrandt, die Italiener von Tizian bis Caravaggio sind das Referenzmaterial für einen Werkkomplex, der kollektive Strukturen, gesellschaftliche Gefüge und Machtverhältnisse mit dem Instrumentarium jener historischen Repräsentations- und Familienporträts inszeniert, die Personen in ein Umfeld stellen, das ihren kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergrund offenlegt.

Clegg & Guttmann kennen die Codes von Status, Einfluss und Kapital. Sie entwickeln einen Look für „Reich und Schön“, eine Fiktion von dem, was in der Realität Wert, Wirkung und Anziehungskraft hat. Der Typus trägt fashionables Schwarz, die Männer weiße Hemden und dunkle Krawatten, die Damen effektvollen Schmuck und Juwelen. Oft übertrieben und isoliert werden die Effekte selbst zur Materie der Selbstreflexion. [...]

Schließlich machen Clegg & Guttmann mit einigen eindrucksvollen Querverweisen auf inhaltliche und visuelle Bezüge zwischen Fotografie, Skulptur und den Partizipationsangeboten der Cognitive Exercises aufmerksam. The Bookworm mit seiner Spitzweg-Referenz dockt als Fotografie bei den Bibliotheksskulpturen an, Cognitive Exercise II: The Constrained Brahms Quartett stellt eine Verbindung zwischen dem Handicap des blonden Jünglings auf der Fotografie The Cripple und der Aufführung des C-Moll-Streichquartetts von Johannes Brahms unter erschwerten Bedingungen her: Die Musiker sind mit Stangen so aneinandergefesselt, dass ein individuelles Spiel unmöglich ist. Die Graffiti, die Ausstellungsbesucher auf Cognitive Exercise III: Continuous Drawing hinterlassen, entdeckt man auf der Fotografie Now That He Started wieder, die eine Keith Haring gewidmete Zeichnung von Clegg & Guttmann in ihrem Loft in Chelsea zeigt.

Mit den Cognitive Exercises haben Clegg & Guttmann Handlungsanlässe entwickelt, die mit dem Leben verbunden sind und das Publikum zum Einsatz motivieren. Mögliche Gesten und Aktionen, ein „Verhalten unter beeinflussten Bedingungen“ überblenden Clegg & Guttmann auf und mit ihren Fotografien, ihrer Bildorganisation, Komposition und Lichtsemantik. Durch diesen Kontext eröffnet sich eine neue Perspektive auf einige der Porträts. In diesen Arbeiten zeigen Clegg & Guttmann Menschen, die es vermögen, ihre Situation, die Objekte, die sie umgeben, und ihre Umwelt direkt zu kommunizieren. Was in der Reagan-Ära als Kritik der Machtanbetung begann, gewinnt in Zeiten der „Occupy Wall Street“-Bewegung an zusätzlicher Bedeutung.


Kuratorin: Brigitte Huck
Presse:
Christina Werner
Die BAWAG Foundation wurde 1974 von der Bank für Arbeit und Wirtschaft (BAWAG) gegründet und war eine der frühesten gemeinnützigen Kunstinstitutionen in Österreich. Ihr ursprünglicher Standort befand sich im Hochholzerhof in der Wiener Innenstadt, dem Hauptsitz der Bank. Ab 1995 war die Institution an der Adresse Tuchlauben 7A untergebracht.

Im Jahr 2005 fusionierte die BAWAG mit der Österreichischen Postsparkasse zur BAWAG P.S.K.
2008 wurden im Zuge unternehmensinterner Entscheidungen die BAWAG Foundation und die Generali Foundation räumlich zusammengelegt. Das sogenannte „Foundationsquartier“ bestand jedoch nur für kurze Zeit. Daraufhin gründete Christine Kintisch, langjährige Leiterin der BAWAG Foundation, unter dem neuen Namen BAWAG Contemporary einen neuen Kunstort im ehemaligen Tanzcafé Westminster in der Barnabitengasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Dort wurden ab 2008 Ausstellungen sowie Veranstaltungsformate wie Konzerte und Lounge-Abende organisiert.

Ab 2010 wurden die Ausstellungen in den von propeller z Architekten adaptierten Räumen am Franz-Josefs-Kai 3 gezeigt. Nach der Übernahme der BAWAG durch neue Eigentümer wurde der Betrieb von BAWAG Foundation / BAWAG Contemporary mit 31.12.2013 eingestellt.

Heute befindet sich an dieser Adresse der fjk3 – Raum für zeitgenössische Kunst.